Vitalis

Kloepfer in Zeidlers Deutsch-Österreichischer Literaturgeschichte, 1937

 ... Der eigentliche Poet dieser Gruppe ist aber Hans Kloepfer (geb. im August 1867 zu Eibiswald), Werksarzt zu Köflach, der in seinen Büchern „Vom Kainachboden“ (1912, 3. Auflage 1924), „Aus dem Sulmtale“ (1922) und „Steirisches Bilderbuch“ (1930) das Wesen weststeirischer Landschaft in ganz persönlich innigen Bildern von durchdringender Leuchtkraft anschaulich macht. Boden und Menschen sind ihm eine Einheit, die sich gegenseitig formen und bedingen. Er geht aller Sonderart auf den Grund und legt Zusammenhänge bloß, die dem oberflächlichen Beobachter niemals bewußt würden. Das lebendige Wissen eines geschulten Geschichtsfreunds, der frische Natursinn des Landkinds, die feinfühlige Seelendeutkraft des ärztlichen Menschenkenners wirken gleichmäßig ineinander zu der Unmittelbarkeit und von innen durchstrahlten Heiterkeit der Schilderung, die innerhalb eines enger begrenzten Bereichs Roseggers beste Überlieferung auf gleicher Höhe fortsetzt. Die köstlich subjektive Betrachtungswiese, die Zartheit und Tiefe der Empfindung, der geschmeidige Wohlklang der Sprache sind lyrisch beschwingt und weisen schon dadurch auf die künstlerische Grundanlage des Dichters hin. Kloepfer ist der erste große Lyriker der steirischen Mundart. Mit seinen „Gedichten in steirischer Mundart“ (1924, 2. Auflage 1926) in ihrem Zusammenklang edler Kunstform mit dem Ausdruck urwüchsigster Volkstümlichkeit ist er an Klaus Groth und Franz Stelzhamer zu reihen. Unter den heute lebenden Steirern ist er der einzige, der, ganz Künstler, aus der Seele und Sprache des Bauernvolks heraus, nicht in sie hinein denkt. Nie, auch wenn der Vorwurf gar nicht notwendig bäuerlich bedingt ist, übersetzt er städtische Geistigkeit in bäuerliche Ausdrucksform, stets ist diese auch natürliche Umsetzung ursprünglich volkstümlicher Anschauung. Aus ihr sind nicht nur Redewendungen, Satzbau und Bewegungsmaß, sondern auch die Bilder und Denkformen selbst gewachsen. Seit Stelzhamer sind wir es in Österreich nicht mehr so eindringlich wie an Kloepfers Gedichten gewahr worden, wieviel lyrische Weichheit neben spröder Männlichkeit, wieviel einprägsame Sinnbildlichkeit, wieviel edle Steigerung und welch reicher Wechsel in den Äußerungen alles Lebensgefühls von heiterer Schalkhaftigkeit bis zu herber Tragik auch auf einem scheinbar so eng umschränkten und widerstrebenden Boden gedeihen können. Mit gleicher Kraft meistert der Dichter die schriftdeutsche Kunstsprache („Gedichte“ 1924), der er neues Erz aus volkstümlichen Sprachformen zuführt.

Kloepfer, der als Fünfundvierzigjähriger mit seinem ersten Buch hervorgetreten ist, hat erst auf silbernen Schläfen den grünen Lorbeer jungen Ruhms verspürt. Aber auch an ihm wird sich bewähren, daß spät altert, was lange reift.

Deutsch-Österreichische Literaturgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Dichtung in Österreich-Ungarn. Unter Mitwirkung hervorragender Fachgenossen nach dem Tode von Johann Willibald Nagl und Jakob Zeidler herausgegeben von Eduard Castle. Vierter Band. Von 1890 bis 1918, Wien 1937.

Kloepfer im Österreichischen Biographischen Lexikon, 1965

Kloepfer Hans, Dichter, Heimatforscher und Mediziner. * Eibiswald (Stmk.), 18. 8. 1867; † Köflach (Stmk.), 27. 6. 1944. Sohn eines aus Schwaben eingewanderten Arztes und einer Lehrerstochter aus Steiermark; studierte an der Universität Graz Medizin, 1891 Dr. med. und wirkte 1894-1944 als praktischer Arzt (Werksarzt) in Köflach. Kloepfer, Lyriker und Erzähler, war nach Rosegger und Stelzhamer der bedeutendste österreichische Mundartdichter. Er dachte und fühlte wie das Landvolk, in dessen Sprache er dichtete; auch wo er hochdeutsch schrieb, blieb er das einfache Naturkind. Die erzählenden Werke vereinien Mundart und Schriftsprache mit starker landschaftlicher Bindund und regem Geschichtsbewußtsein. Die Selbstdarstellung „Aus dem Bilderbuche meines Lebens“ ist auch kulturgeschichtlich wertvoll. Dr. phil. h. c. der Universität Graz, Mozartpreis 1939.

Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Band 3, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1965, S. 418.