Vitalis

Persönlichkeiten

Johann Reinbacher

8. Dezember 1866 – 20. Jänner 1935

Ohne Zweifel hatte Kloepfer Kenntnis von Johann Reinbacher vulgo Höllerhansl, dem wohl bekanntesten steirischen Naturheiler in der Zeit zwischen den Kriegen. In Köflach gab es schwerlich jemand, der den bauernschlauen Naturheiler aus Rachling bei Stainz nicht gekannt hätte, selbst in der Köflacher Chronik sind ihm unter dem Jahreseintrag 1935 einige Zeilen gewidmet: „In Rachling bei Stainz starb im Jänner der weit über die Grenzen Österreichs bekannte Naturheiler Johann Reinbacher, genannt ‚Höllerhansl‘. Der Ruf, den der ‚Wunderdoktor‘ genoß, war nicht ganz unbegründet. Sooft auch vor dem Grazer Gericht eine Anklage gegen den grundgescheiten Mann erhoben wurde, konnte er sich auf das allergeschickteste verteidigen und wußte selbst auf Ärzte einen guten Eindruck zu machen. Immer marschierte eine Reihe von Zeugen auf, die seinen Heilungen und Besserungen höchstes Lob zollten. Das Haus des Höllerhansl-Bauern bei Stainz war daher seit Jahrzehnten zu jeder Jahreszeit das Ziel hunderter Hilfesuchender. Gewisse Züge, die von Graz aus nach Stainz dampften, hießen im steirischen Volksmund schalkhaft ‚Flascherlzüge‘, weil die meisten der Reisenden mit den verlangten Proben in verschiedenen gläsernen Kleingebinden zu ihm hinausfuhren.“

Den 1866 in der Nähe von Stainz geborenen Johann Reinbacher hatte es in jungen Jahren nach Rachling verschlagen, wo sein Vater ein kleines weststeirisches Bauernhaus vulgo „Höller“ bezogen hatte – daher der später weithin bekannte Name des Wunderdoktors. Von seinem Vater war er in jungen Jahren in die Geheimnisse der Volksheilkunde eingeweiht worden, manches hatte er auch einem alten Folianten entnommen, wie er später bekannte. Schon vor der Jahrhundertwende dürfte sich der Höllerhansl als Naturheiler betätigt und seinen später sagenhaften Ruhm begründet haben. In seinen besten Jahren nach dem Ersten Weltkrieg pilgerten täglich hunderte Patienten zu seinem Häuserl nach Rachling hinaus, wobei sie den letzten Aufstieg wie Wallfahrer zu Fuß zurücklegten. Während im Hof die Hilfesuchenden in Trauben warteten, fanden im Hausinneren die kurzen, mit einer Spende zu entgeltenden Ordinationen statt. Dabei beschränkte sich die Untersuchungsmethode des „Stainzer Wundadokta“ auf einen kurzen Blick ins mitgebrachte Urinflascherl, darauf folgte eine apodiktische Diagnose, die sich meist mit „Schlechts Geblüat, Lünglkatarrh, Gallschleim im Magen, Windverstopfung mit Windfieber“ begnügte. Die therapeutische Strategie des Höllerhansls beschränkte sich auf die Gabe von Tee- oder Kräuterspezialitäten wie Salbei, Eibisch oder Fenchel. Diese stammten erwartungsgemäß aus hauseigener Manufaktur. Die Einkünfte aus diesem Gewerbe waren beträchtlich, so konnte der von seiner Gemahlin Cilli unterstützte Reinbacher die baufällige Keusche seines Vaters zu einem stattlichen Haus ausbauen. In guten Jahren soll er im Wirtshaus bündelweise Geld verteilt haben.

Eine in mehreren Versionen kursierende Höllerhansl-Anekdote läßt tief blicken: „Ein Holzknecht aus der Gegend von Eibiswald hatte sich einmal am Auge verletzt. Notdürftig verbunden ging er in den Markt hinunter und traf auf der Straße den Dichterarzt Dr. Hans Kloepfer. Der redete ihn an: ‚Griaß die Seppl, hast dir am Aug wehtan?‘ ‚Jo‘, sagte der Gefragte. Darauf Dr. Kloepfer: ‚Dann kimmst grad zu mia?‘ ‚Na‘, antwortete der Holzknecht, ‚beim Aug derf ma si net spüln, da geh i zan Höllerhansl!‘“ Auch Kloepfer bewahrte in seiner Skizze Arzt und Volk eine Höllerhansl-Anekdote: „Ein reicher Mann litt seit Jahren an der fixen Vorstellung vor dem Schlafengehen, ein Mann liege unter seinem Bette, einer Angstpsychose, zu deren Beseitigung er schon berühmte Nervenärzte und teure Sanatorien ohne dauernden Nutzen aufgesucht hatte. Bis ihm ein Freund riet, er solle doch einmal den Rat des berühmten Höllerhansl einholen. Gesagt, getan. Er klagt ihm umständlich sein Leiden. ‚Ja, da is a leicht’s Mittel‘, entscheidet der Stainzer Salomo: ‚Schneid’st halt die Füaß von Bett o!‘ Vom Erfolg habe ich nichts mehr erfahren.“