Vitalis

Persönlichkeiten

Anton Wölfler

12. Jänner 1850 – 1. Februar 1917

Die zu Kloepfers Zeiten in voller Blüte stehende Chirurgie wurde an der Universitätsklinik für Chirurgie am Grazer AKH vorgetragen und demonstriert von dem jüdischen Billrothschüler Professor Anton Wölfler. Aus Kopetzen im westböhmischen Kreis Tachau gebürtig, hatte der Chirurg in Edinburgh die Prinzipien antiseptischer Wundbehandlung verinnerlicht und sich als Pionier der vorderen Gastroenterostomie sowie als Meister der Schilddrüsenchirurgie hervorgetan. Nach seiner Zeit als Vorstand der Chirurgischen Abteilung der Poliklinik in Wien, wo er als einer der Ersten in der Chirurgie die Kokain-Anästhesie einsetzte, folgte er 1886 einem Ruf nach Graz. Im Wintersemester 1892/93 wurde er zum Dekan der medizinischen Fakultät bestellt. Zahlreiche chirurgische Kunstgriffe sind mit Wölflers Namen verbunden. Die chirurgische Behandlung des in der Steiermark endemischen Kropfes, mit dem er sich sein Gelehrtenleben lang und in 14 wissenschaftlichen Arbeiten befaßte, machte ihn zu einer Koryphäe der Schilddrüsenforschung. Der österreichische Arzt-Chirurg Burghard Breitner, selbst Autorität auf dem Gebiet der Strumaoperationen, beurteilte Wölfler neben Anton von Eiselsberg „als einen der erfolgreichsten Forscher auf dem Gebiete der kropfigen Schilddrüse“.

Daß Kloepfer dem strengen jüdischen Lehrer ein freundliches Andenken bewahrte, ist immerhin bemerkenswert: „Ein anderer Arzt, aber bei vielen Äußerlichkeiten doch schwerer zu fassen, war der Professor für Chirurgie Anton Wölfler, einer der letzten engeren Schüler und Mitarbeiter des großen Billroth, der in seinen Briefen von ihm als einem geistvollen jungen Gehilfen spricht. Auffallend und einnehmend in den Gesichtszügen – nicht im Gange –, mit den großen tiefblauen Augen, der scharfen Hakennase seiner Rasse und dem schwarzen Vollbart, wußte er im Vortrage sogleich zu fesseln und den Zuschauer durch die Wunder seiner Hand zu bannen. Dazu hatte er – woran ich noch heute gerne denke – von seinem Meister die gütige Einfühlung in die Welt seiner Kranken, die Ehrfurcht vor dem Schmerze übernommen, die er immer wieder als unerläßlich für den guten Chirurgen forderte. So bot er in Wort und Wesen, in Wissen und Können das Bild eines modernen Chirurgen seiner Zeit; vielleicht mit einem leisen Beigeschmack des Theatralischen. Daran mochte denken, wer ihn mit leichtem Tiefsinn, geneigten Hauptes, freundlich grüßend, an der Spitze einer langen Schar von dienenden Weißmänteln in den Operationssaal ziehen sah. Aber eine stets wache Sorge, nicht nur um das Gelingen einer besonders schwierigen Operation, sondern auch um den ganzen Menschen, der in solch entscheidender Stunde ihm anheimgegeben war, um die kleinste Störung im Allgemeinbefinden, hatten zusammen mit seinem unleugbaren Wohlwollen einen Zug ins Große. Also Innerlichkeit unter äußerem Stil. Zum Teil scheint diese Anpassung und Hilfsbereitschaft für den Patienten bei vielen seiner Rasse naturgegeben zu sein. Ich habe später durch eineinhalb Jahre als Sekundararzt unter ihm gedient, wohl nicht als sein Schüler noch als sein Liebling, wohl aber als stets williger Mitarbeiter im Getriebe einer großen Klinik, die in Wölflers damaligem Assistenten, dem bald darauf verstorbenen Rudolf von Frey, einem Salzburger, einen wissenschaftlich und technisch hochgebildeten, als Menschen erstklassigen Vertreter besaß. So habe ich denn von meinem damaligen Vorstand als Arzt und Menschen bei mancher Härte und Nichtbeachtung doch viel Gutes für die Zukunft erfahren“.