Vitalis

Persönlichkeiten

Alexander Rollett

14. Juli 1834 – 1. Oktober 1903

Im zweiten Stock und in der Mansarde hatten die Physiologen ihr Instrumentarium ausgebreitet. Hier regierte der 1834 in Baden bei Wien als letztes von 13 Kindern des dortigen Stadtarztes geborene Physiologe und Histologe Alexander Rollett, der nachmalige erste Präsident der steiermärkischen Ärztekammer. Rollett wurde insgesamt viermal zum Rektor berufen und dreimal zum Dekan der medizinischen Fakultät. Hören wir Burghard Breitners Urteil über den Kollegen: „Sein Auditorium war bald ein internationales, auch von erfahrenen Ärzten und Forschern beschicktes. Die Akademie der Wissenschaften in Wien ehrte ihn 1871 durch die Ernennung zum wirklichen Mitglied und brachte dadurch zum Ausdruck, daß sein ‚provinziales‘ Wirken nicht übersehen wurde. Er hat das ganze Gebiet der Physiologie durch eigene Arbeiten bleibend bereichert und vielfach neue Wege der Forschung erwiesen, mag es sich um Fragen der Optik, der Sinnesphysiologie, der Blutbewegung, der Muskelphysiologie handeln. Die Art seines Vortrages war so lapidar, daß der aufmerksame Hörer am Ende der Vorlesung glaubte, den ganzen Stoff wiederholen zu können. Die Klarheit der Darstellung und des Urteils kennzeichneten auch Rolletts Wirken als Dekan und Rektor. So trug er nicht nur zum guten Start der neuen österreichischen medizinischen Fakultät bei, sondern er bildete weiterhin einen ihrer besonders starken Anziehungspunkte. [...] Getragen von dem unbeirrbaren Vertrauen aller seiner Kollegen, gläubig verehrt von einer begeisterten Studentenschaft, leitete dieser Gelehrte von großem Format durch 40 Jahre das Institut für Physiologie und Histologie, auf dessen Lehrstuhl er, 29jährig, berufen worden war. Wien glaubte ihn übersehen zu können, Heidelberg und Prag bewarben sich um den früh Berühmten. Aber er verläßt Graz nicht.“ In Rolletts Laboratorium fanden sich zahlreiche russische Kollegen ein, darunter der berühmte Neurophysiologe Iwan Michailowitsch Setschenow, der in Rolletts Institut die Hemmwirkung der Hirnhemisphären auf die Rückenmarksreflexe untersuchte.

Rolletts Rektoratsreden waren rhetorische und literarische Höhepunkte, seine Interessen reichten über die Physiologie hinaus bis zu einer Studie über Goethes Umgang mit dem Phrenologen Franz Joseph Gall, dessen Schädelsammlung bis heute im Rollettmuseum zu Baden bewahrt wird.

So erlebten die Studenten Alexander Rollett: „Mit breitem, lautem Schritte, den Rumpf seitlich schwingend, erschien der Meister im Hörsaale. Er blickte ernst auf die erwartungsvollen Hörer und ließ oft eine geraume Weile verstreichen, bevor er den Vortrag begann. Dieser war stets rein sachlich und frei von jeder auch noch so naheliegenden heiteren Bemerkung. Das ist bemerkenswert, da Rollett die Gabe des trockenen Humors, der Satire, auch der Selbstironie in hohem Maße eigen war, was bei fröhlichen Tafelrunden im Kreise seiner Kollegen und Schüler glänzend zum Ausdruck kam.

Wie Kloepfer war der deutschliberale Rollett Sängerschafter beim Akademischen Gesangverein zu Graz, „geliebt von der ganzen Studentenschaft, ein Mann, dessen prachtvollen Gelehrtenkopf in allen Fältchen zu durchwandern das Auge nicht müde wurde, wenn er seine streng geformten Sätze wie aus einer Marmormühle aus den mahlenden Kiefern entließ. So gruben sich die Grundfesten seines Faches und darüber der weitverzweigte Bau der Physiologie bis an die feinsten Grenzen ins Gedächtnis“. Am 14. November 1887 legte Kloepfer bei diesem bemerkenswerten Lehrer die praktische Prüfung aus Physiologie ab – ausgezeichnet mit der Bestnote.

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