Vitalis

Medizingeschichtliches

Das Allgemeine Krankenhaus Voitsberg

Die zu Köflach nächstgelegene klinische Einrichtung war um 1900 das alte Landeskrankenhaus in der Paulustorgasse zu Graz. Stand eine Behandlung oder dringende Versorgung an, so begab man sich mit der Graz-Köflacher Eisenbahn nach der Landeshauptstadt zur Behandlung im Spital, eine Transportalternative tat sich erst in den 1920er Jahren mit dem Aufkommen der Omnibusse bzw. Rettungsautomobile auf.

Nach der Schließung der Knappenspitäler war die Bezirksbevölkerung, immerhin 63 Gemeinden mit ungefähr 42.000 Einwohnern, ohne ein öffentliches Krankenhaus, wenn man vom kleinen, stark defizitären Voitsberger Notspital absieht. Kein Wunder, daß der Ruf nach Abhilfe laut wurde. Es war Kloepfers Voitsberger Kollege Christian Niederdorfer, dem es, unterstützt von dem Landtagsabgeordneten Johann Rumpf, vor der Jahrhundertwende gelang, die Landesverwaltung für einen Spitalsneubau zu gewinnen. Das Krankenhaus sollte auf einem kommunalen Grund vor der Stadt errichtet werden. Im Mai 1899 beschloß der Landtag die Errichtung des dringend nötigen Spitals, die Sparkasse Voitsberg gewährte einen langfristigen Kredit in Höhe von 380.000 Kronen. Nachdem Kaiser Franz Joseph I. am 18. August 1900, dem Tag seines 70. Wiegenfestes, seine Sanktion erteilt hatte, konnte der Bau begonnen und zügig ausgeführt werden.

Am 14. Dezember 1900, nach nicht einmal vier Monaten Bauzeit, wurde das moderne 138-Betten-Spital mit allem damals üblichen Inventar in Betrieb genommen. Man hatte eiserne Betten mit Spiraldrahtmatratzen angeliefert, Nachtkästchen, Waschtische, 61 Wasserkübel samt Deckel, für je drei Betten ein Lavoir, eine Seifentasse und einen Wasserkrug, dazu 158 Sessel, 28 Leibstühle, 17 Badewannen für Erwachsene sowie 120 eiserne und emaillierte Spucknäpfe, ein wichtiges Einrichtungsaccessoire in Tuberkulosezeiten. Daß die ersten Patienten im Dezember noch kein elektrisches Licht vorfanden, tat der Freude keinen Abbruch. Noch in den 1920er Jahren, als der Belag auf 172 Betten angewachsen war, bestand das ärztliche Personal aus nur zwei Primarärzten, zwei Sekundarärzten und einem Volontärarzt; die Doktoren wurden von sechzehn geistlichen Schwestern vom Orden des hl. Vinzenz von Paul und von etwa einem Dutzend sonstiger Bediensteter unterstützt. Als erster Primararzt zeichnete Dr. Adolf Payer, mit seinen beiden Sekundarärzten Dr. Christian Niederdorfer und Dr. Josef Trigler oblag ihm die klinische Versorgung des Bezirkes. Mehr als 46.000 Patienten konnten in den ersten 25 Betriebsjahren des Voitsberger Landeskrankenhauses versorgt werden. Dabei kam der im Erdgeschoß eingerichteten, seit 1905 selbständigen chirurgischen Abteilung vor allem wegen der zahlreichen Arbeitsunfälle in dem Bergbau- und Industrierevier besondere Bedeutung zu. Adolf Payer übernahm zunächst auch das Primariat der chirurgischen Abteilung. Im Jahr 1902 führte er, allein oder assistiert von der Operationsschwester Euphrosine Radl oder dem Sekundararzt Josef Trigler, 269 Operationen durch, darunter 41 Bruchoperationen, 48 Operationen am Knochen, 32 Abszeßeröffnungen, 27 Operationen an Haut und Unterhautgewebe bzw. Lymphektomien, 25 gynäkologische Operationen, 13 Curettagen, 5 Phimosen, 3 Blinddarm-, 2 Kropf- und 2 Staroperationen.

Erst im Juli 1908 übernahm Dr. Theodor Haagn den Vorstand der Chirurgie. Wie Kloepfer hatte auch er das Amt des Chefarztes für die örtliche Rettungsabteilung der Freiwilligen Feuerwehr inne. Mit wissenschaftlichen Arbeiten, etwa zur Technik der Appendektomie in der angesehenen Deutschen Zeitschrift für Chirurgie, hatte er zeigen können, daß man in Voitsberg keineswegs auf Provinzniveau operierte.

Eine wesentliche Neuerung brachte das Jahr 1908 auch in technischer Hinsicht, als nämlich in die Krankenzimmer und Operationsräume elektrischer Strom eingeleitet wurde und die Zimmer in hellem Licht erstrahlten. Auch sonst blieb nichts beim Alten – schon 1910 wurden die hölzernen Schiffböden herausgerissen und pflegeleichte Linoleumböden in die Zimmer verlegt, wie es damals letzter Schrei war.

Zahlreiche verwundete Soldaten hatten im Ersten wie im Zweiten Weltkrieg Aufnahme in dem zum Lazarett erklärten Spital gefunden, wegen der Überbelegung fanden Kranke aus dem Bezirk kaum noch ein Bett im Krankenhaus. Ärzte und Schwestern standen oft rund um die Uhr im Einsatz.

Unter großzügigem Verzicht auf ärztliche Bezüge hatte Christian Niederdorfer den Ankauf eines ersten Röntgengerätes ermöglicht. Als diese Röntgenröhre nach dem Weltkrieg nicht mehr entsprach, unternahm Theodor Haagn 1919 eine Sammlung, um eine neue Röntgenapparatur der Siemens und Halske AG anschaffen zu können, sowie auch eine Quarzlampe für die Tuberkulose-  und für dermatologische Behandlungen. Die erforderlichen Spenden waren unter anderem von den einzelnen Bergbaubetrieben aufgebracht worden.

Als Primar Theodor Haagn, Obmann der Ortsgruppe Voitsberg des Deutschen Schulvereines Südmark und wie Kloepfer ein überzeugter Nationaler, 1925 im Alter von 48 Jahren an einer eitrigen Rippenfellentzündung starb, übernahm Dr. Ernst Bouvier das Primariat, ein legendärer, ebenfalls mit Kloepfer persönlich bekannter Chirurg.

Wegen der ständig steigenden Patientenzahlen wurde im Jänner 1928 im ersten Stock eines Flügelzubaus ein neuer, modern ausgestatteter aseptischer Operationssaal eingerichtet, die bisher im Erdgeschoß angesiedelte chirurgische Abteilung wechselte nun, im Tausch mit der internen Abteilung, hinauf in den ersten Stock.

Im Zweiten Weltkrieg waren es vor allem die häufigen Fliegeralarme, die zu einer schweren Belastung wurden. Da es noch keinen Aufzug gab, mußten die gehunfähigen Patienten beim Heulen der Sirenen in größter Eile in den Luftschutzkeller getragen werden, wo Notfälle beim Schein von Petroleumlampen versorgt wurden. Frischoperierte Patienten wurden zurückgelassen, versorgt nur von einer Krankenschwester. Glücklicherweise kam es nicht zum Äußersten – das Krankenhaus blieb von Bombentreffern verschont.