Vitalis

Köflach

Nach der industriellen Erschließung der umliegenden Braunkohlereviere hatte sich der Markt im 19. Jahrhundert zum wichtigsten weststeirischen Bergbauzentrum entwickelt. Dem Bergbau folgte die Industrie, und die brachte erst recht Geld in den Ort, wie mehrere Dutzend Wirtshäuser und eine eigene florierende Brauerei bezeugten. Auch der Handelsstand profitierte von dem industriellen Segen, so etwa das 1868 gegründete Kaufhaus Adolf Stölzle, in dem neben Lebensmitteln und Textilien auch Drogerie- und Eisenwaren verkauft wurden.

Seit 1846 werkten Glasmacher in einer Glasfabrik im alten Köflacher Stadtteil Weiern am Eingang zum Sallagraben. Zahlreiche Arbeiter fanden ihr Brot in den Eisenwerken im Krenngraben oder in Pichling, andere bis 1914 in der Schrauben- und Mutternfabrik Urban & Brevillier, ferner in Sensenhämmern wie dem bis 1937 bestehenden Sensenwerk am Krennhof, zudem in Hammerwerken, Patent-Kalköfen und etwa dem 1871 gegründeten Sägewerk von Paolo Morasutti. Noch im letzten Weltkriegsjahr nahm die spätere Schuhfabrik Köflach AG die Schuherzeugung in neuerbauten Fabrikshallen auf, an die hundert Arbeiter und Arbeiterinnen erzeugten da 500 Paar Schuhe und mehr am Tag. Seit Anfang der 1930er Jahre eröffnete der Schisport neue Absatzmöglichkeiten und schließlich gelangten Skischuhe aus Köflach bis nach Amerika. Mit 1938 bereits 250 Mitarbeitern erzeugte die Schuhfabrik während des Zweiten Weltkrieges das für die Gebirgstruppen benötigte Schuhwerk.

Um 1.900 waren aus den 400 Köflacher Werktätigen von 1860 mehr als 2.500 Berg- und Industriearbeiter geworden, nach dem Weltkrieg lebten in Köflach bereits mehr als 7.500 Seelen: Knappen, angelernte Arbeiter, Hilfspersonal, windische Zuzügler aus dem Untersteirischen, Bauernsöhne, die auf den elterlichen Höfen keine Zukunft sahen. In den engen und winkeligen Gassen des wachsenden Marktes fand ein lebhaftes Gewerbe seine Kundschaft.

Die kleineren Bergbaue waren nach und nach von den größeren Gesellschaften geschluckt worden, so daß um 1920 drei Unternehmungen den Ton angaben: die GKB, der Melnhof’sche Bergbau und die Österreichisch-Alpine Montangesellschaft. Letztere beutete im Tagbau und unter Tag Gruben in Lankowitz, Hasendorf, Pichling, Ober- und Untergraden sowie Piber aus.

Köflach – ein aufstrebender Industriemarkt mit althergebrachtem Bürgerstolz, angeschlossen an das Bahnnetz der k.?k. privilegierten Eisenbahn- und Bergbaugesellschaft. Als diese Graz-Köflacher-Eisenbahn am 3. April 1860 ihren Betrieb aufnahm, vorerst noch mit gemieteten Lokomotiven der Reihe Kleine Gloggnitzer und Personen-, Güter- und Kohlewagen, gelang es, die weststeirische Kohle kostengünstig nach dem 40 Bahnkilometer entfernten Graz und von dort weiter in die ganze Monarchie zu liefern. Die Trasse führte über zwölf Brücken und bei Krems östlich von Voitsberg durch einen 103?Meter langen Tunnel. Dreizehn Jahre nach Betriebsaufnahme wurde die Anschlußlinie von Lieboch nach Wies gebaut, man konnte nun mit der Eisenbahn von Köflach nach Eibiswald reisen, was anno 1873 noch in Personenwagen mit offenen Plattformen geschah, in sogenannten Steirerwagerln.

In ihren Blütezeiten gehörte auch das kalorische Kraftwerk in Bärnbach zur GKB, ferner Steinbruch-, Schotter und Kalkwerksbetriebe in Köflach und Gradenberg. Eine 1920 erbaute Kleinbahn der GKB verband den Kalksteinbruch in Gradenberg mit dem Kalkofen in Köflach.

Im September 1878 übernahm die k. k. privilegierte Südbahn-Gesellschaft für vier Jahrzehnte den Betrieb der Bahnlinien, dann folgten die Österreichischen Bundesbahnen. Ab Juli 1924 betrieb die GKB mit 27 Dampflokomotiven, 52 Personenwagen und 1.000 Güter- bzw. Dienstwagen wieder den Bahnverkehr selbst. Mit über 4.000 Arbeitern schlitterte das Unternehmen in den wirtschaftlich schwierigen 1920er Jahren auf eine Insolvenz zu, so daß 1928, inmitten der Weltwirtschaftskrise, die Österreichisch-Alpine Montangesellschaft die Aktienmehrheit an dem wankenden Betrieb übernahm. Um 1930 hatte sich der GKB-Personalstand auf ungefähr 1.000 Leute im Eisenbahndienst verringert, diese besorgten mit täglich zwölf Zügen den Personenverkehr zwischen der Landeshauptstadt und Köflach und, was weit wichtiger war, den Hauptteil des Güterverkehrs der Industrie- und Bergbauregion. Nachdem sie die Steirische Lastwagen- und Omnibusgesellschaft m.?b.?H. in Köflach übernommen hatte, richtete die GKB im Mai 1935 eigene Autobuslinien ein.

Ab September 1905 konnte sich Kloepfer in der ersten Nummer des Voitsberg-Köflacher Wochenblattes „in freiem deutschem Sinne“ über wirtschaftliche Fragen und regionale Vorkommnisse informieren, wie etwa das örtliche Dauerthema, das Elektrizitätswerk am Teigitschbach, das die Gemeinde schließlich nach längeren Planungen 1908 in Edelschrott errichtete. Den nächsten Modernisierungsschub erlebten die Köflacher 1909 mit dem Anschluß an das interurbane Telefonnetz. So konnten die glücklichen Besitzer eines Fernsprechers am Silvesterabend 1910 ihren Voitsberger Nachbarn telefonisch schildern, wie jetzt die ersten Wohnungen und Gassen der Stadt sowie die Pfarrkirche im Licht elektrischer Lampen erstrahlten. Erst 1912 folgte die Genehmigung zur Errichtung einer Telefonleitung von Köflach nach Graz. Nicht unwichtig für den Landarzt war auch die Leitung von Köflach über Salla aufs Gaberl, die ab 1914 bestand, sowie nach Lankowitz. Natürlich konnte man damals nicht einfach selbst an der Wählscheibe drehen, der Selbstwählverkehr wurde erst 1952 eingerichtet.

Längst schon war für die Häuer kein Platz mehr in dem kleinen Marktzentrum, Arbeiterunterkünfte in Privathäusern waren die Ausnahme. Das Gros der Belegschaft der Österreichisch-Alpinen Montangesellschaft wohnte in den Arbeiterunterkünften der ehemaligen Eisenhütte Pichling, wo Kloepfer regelmäßig Visite hielt. Die Kolonie Pichling war eine segensreiche Einrichtung, aber hinter den Fassaden verbargen sich gleichwohl soziale Mißstände, und oft genug Not und Elend. Nicht einmal Trinkwasser gab es genug, denn durch den Bergbau hatte sich der Grundwasserspiegel gesenkt.

Von erheblicher Bedeutung für die Familien der Kumpel war das soziale Versicherungswesen, das in Kloepfers Anfangsjahren jedoch noch in den Kinderschuhen steckte. Erst 1854 waren die sozialen Angelegenheiten der Bergleute in einem allgemeinen Berggesetz geregelt worden, das die Einrichtung von Bruderladen für die Unterstützung von Kranken sowie die Auszahlung von Begräbnisgeldern und Provisionen für Invalide, Witwen und Waisen regelte. Die Krankenunterstützung sah freie ärztliche Behandlung einschließlich geburtshilflichen Beistandes bis zu einer Krankenstandsdauer von maximal zwanzig Wochen vor, dazu die erforderlichen Heilmittel und sonstigen therapeutischen Behelfe auf Anordnung des behandelnden Werksarztes. Die Behandlung erfolgte im Werksspital oder durch den Bruderladearzt in der Wohnung des Erkrankten. Auf Anordnung oder mit Genehmigung des Vorstandes der Bruderlade, sowie bei Gefahr im Verzug konnten auch andere Ärzte konsultiert werden. Die in einzelne Lohnkategorien eingeteilten Versicherten erhielten bei mehr als dreitägiger Krankheitsdauer ein Krankengeld in Höhe von 60 Prozent des im Gerichtsbezirk Voitsberg üblichen Taglohnes, zur Auszahlung war ein vom Werksarzt auszustellender Krankenzettel erforderlich. Erst als sich die im Köflach-Voitsberger Revier bestehenden Bruderladen 1911 mit den anderen Bruderladen im Revierbergamtsbezirk Graz zur Grazer Revierbruderlade zusammenschlossen, entfaltete sich der Versicherungsgedanke auf einer breiteren, überregionalen Grundlage. Ähnliches gilt für die ganze Sozialgesetzgebung, die mit mangelhafter Armen-, Alters- und Arbeitslosenfürsorge die Unzufriedenheit im Revier schürte. Im Jahr 1888 war in der Monarchie eine gesetzliche Unfall- und Krankenversicherung eingeführt worden. Weitere soziale Errungenschaften hielten jetzt in kurzen Abständen Einzug, so folgten 1891 der Achtstundentag und die Ächtung der Kinderarbeit.

Das Armenwesen beschränkte sich vor der Jahrhundertwende weitgehend auf private Einrichtungen der Wohltätigkeit, wie etwa die Suppenanstalt der Gewerkin Ludovika Zang, die alljährlich tausende Portionen Suppe mit Brot an die Bedürftigen ausgab. Daß man sich durchaus auch selbst zu helfen wußte, geht aus dem alljährlich beim Platzwirt in Graden veranstalteten Suppenball hervor, aus dessen Erträgen winters die Schulkinder gespeist werden konnten, wie es in einer Gendarmeriechronik für 1910 bezeugt ist.

Im November 1896 verpflichtete der Landesausschuß von Steiermark die Bezirksvertretungen, Armenärzte zu bestellen und zu subventionieren. Das Jahreshonorar für den Rayon Köflach wurde pauschal auf 120 Gulden pro Jahr festgelegt, einer Hebamme für mittellose Mütter waren für unentgeltliche Geburtshilfe jährlich 40?Gulden zu zahlen.

Bei Bedarf wurde Kloepfer ins Armenhaus in der Köflacher Griesgasse 11 gerufen, wo hilflose Greise Aufnahme und eine karge Bleibe gefunden hatten. „Alte Betten, alter Hausrat, alte Inwohner, zusammengeführt aus besseren Tagen. Ein letztes Stücklein einstiger Habe hat die eine oder die andere ins Armenhaus geborgen, Strandgut des Lebens, einen Schubladkasten mit mürfelndem Krimskrams, ein blindes Hochzeitsglas, ein filigran umsponnenes Reliquienbild. Und überm erinnerungwarmen Kleinkram hängt stumm und steif an kalkiger Wand der Heiland am Kreuz mit den vertrockneten Palmzweigen. Im rubinroten Glas zu Füßen flackert ein Dochtlicht gegen den scheidenden Tag.“

In besseren Tagen hatte das Armenhaus als Knappenspital gedient, nach der Vereinigung der Köflacher und Voitsberger Bruderlade wurde die Einrichtung 1894 aufgelassen. Die Gemeinde hatte das Spital erhalten wollen, scheiterte jedoch an behördlichen Auflagen. So wurde es zu einer Bleibe für mittellose Sieche und Bresthafte.