Vitalis

Zur Einrichtung einer Hans Kloepfer-Forschungsstelle

Als ich mich vor einigen Jahren aufmachte, den Spuren Hans Kloepfers nachzugehen, war mir nicht bewußt, daß nur wenige Schritte abseits der ausgetretenen Kloepferpfade ein weitgehend unerforschtes Gebiet auf mich wartet. Insbesondere Kloepfers medizinische Lebenswelt, aber auch wichtige Stationen und Bereiche seiner Biographie, wie etwa seine Ausbildung in Wien oder seine ersten Jahre in Köflach, sind nur unzureichend erforscht, und viele Fragen zu seinem Lebenslauf können aus der bisher vorliegenden Literatur nicht erschöpfend beantwortet werden. Um diesen Forschungsdefiziten zu begegnen möchte ich die Einrichtung einer Hans Kloepfer-Forschungsstelle anregen, die sich als Forum für die weitere Erforschung von Kloepfers Leben versteht und die den verstreuten Kreis der Kloepferinteressenten zusammenführen soll. Den Aufbau dieser Internetseite ermöglicht der Vitalis-Verlag, der sich seit geraumer Zeit neben seinen medizinischen und böhmischen Verlagsschwerpunkten auch erfolgreich mit Veröffentlichungen zur österreichischen Kulturgeschichte zu Wort meldet. Vitalis übernimmt auch die Herausgabe einer Druckschrift, die als Sammelschrift für kloepferkundlicher Beiträge gedacht ist.

Wenn ich von Forschungsdefiziten spreche, so steht mir als leuchtendes Beispiel die Kafkaforschung vor Augen. Insbesondere ihr Doyen Hartmut Binder hat auf vielen tausend Seiten und in zahlreichen dickleibigen Folianten die materiellen und ideellen Grundlagen geschaffen, die überhaupt erst die großangelegten Biographien der letzten Jahre ermöglichten. Allein zu den Vergnügungsstätten und Kaffeehäusern, die Kafka und seine Freunde besuchten, hat Binder ein mehr als tausendseitiges Konvolut vorgelegt, mit einer ebenso großen Zahl an faszinierenden Bildern. Ein anderes Beispiel: Kafka hat Wien nicht gemocht, und doch weilte er einigemale zu Besuch in dem absterbenden Riesendorf, wie er es nannte. Hartmut Binder hat diese raren Bezüge auf mehr als 450 Seiten geradezu vorbildlich ausgebreitet. Im Falle Franz Kafkas gibt es nicht nur eine in die zehntausende gehende Anzahl von wissenschaftlichen Aufsätzen, es gibt auch eine umfangreiche kritische Ausgabe seiner Werke und lebensgeschichtlichen Zeugnisse. Allein seine Briefe liegen in vier dickleibigen Bänden auf fast 4.000 Seiten kommentiert und aufgeschlüsselt vor, dazu seine amtlichen Schriften und vor allem seine umfangreichen Tagebücher. Das ist das Material, aus dem ein Biograph schöpfen kann.

Nichts dergleichen besitzt der Kloepferforscher. Wiewohl Kloepfer in Wien zur Ausbildung und später auch Behandlung weilte und dort wiederholt vor begeistertem Publikum Lesungen hielt, und damit vermutlich weit mehr Zeit an der Donau verbrachte als der ihm völlig unbekannte Prager literarische Kollege, erschöpft sich das uns dazu Bekannte in wenigen Absätzen. Auch sonst hat man Kloepfer sträflich vernachlässigt: Die im Umfang recht überschaubare Sekundärliteratur ist zum Teil sehr alt, nicht selten tendenziös und vielfach unergiebig. Die Summa des verschriftlichten Kloepferwissens ist Einzig Herbert Blatniks und Walter Kienreichs verdienstvolles Werk über Hans Kloepfer, in dem die Summa des verschriftlichen Kloepferwissens festgehalten ist, steht dem Interessenten zur Verfügung, jedoch ist dieses Standardwerk lange schon vergriffen und antiquarisch nur schwer erhältlich. Manches findet sich in den wenigen Qualifikationsarbeiten durchaus schwankender Qualität, die sich noch bis in die 1980er Jahre hinein mit Kloepfer auseinandersetzten oder in verstreuten, kaum zugänglichen Zeitschriftenbeiträgen – dann ist auch schon Schluß mit der Literatur. Für das in den Regionen tradierte mündliche gilt: QUOD NON EST IN ACTIS NON EST IN MUNDO. Mit dem Hinscheiden jedes Zeitgenossen geht unwiederbringliches Spezialwissen verloren. Den einzigen Lichtblick in dieser Tristesse bildet die Forschungsstelle „Österreichische Literatur im Nationalsozialismus“ an der Grazer Universität, wo Uwe Baur und Karin Gradwohl-Schlacher einschlägige Grundlagenforschung betreiben und auch Hans Kloepfer in den ihnen gesetzten engen Grenzen mitbetreuen.

Die erste und vordringlichste Aufgabe für die Hans Kloepfer-Forschungsstelle sehe ich in der Sammlung, Erschließung und Edition von Kloepferdokumenten, allem voran die Manuskripte, Typoskripte und Erstdrucke von Kloepferwerken. In diversen Druckwerken kursiert eine Vielzahl abweichender Textvarianten – eine kritische, irgendwie verbindliche Textedition gibt es nicht. Hier tut sich ein breites Betätigungsfeld für interessierte Literaturhistoriker auf.

Besonders nützlich wäre es, Kloepfers Briefschaften in seinen chronologischen und personellen Zusammenhängen zu sammeln und durch Transkription lesbar zu machen. Die mitunter schwer entzifferbaren Briefe (und Postkarten und Mitteilungen) liegen verstreut bei Nachfahren der weitverzweigten Familie, im Nachlaß ehemaliger Bekannter wie Josef Papesch, in den Museen in Eibiswald und Köflach, in Archiven wie dem Steiermärkischen Landesarchiv und nicht selten auch in den Magazinen von Antiquaren. Viktor von Geramb erwähnte in einem bei Herbert Blatnik veröffentlichten Brief ein Paket von Kloepferbriefen, das er als „das weitaus umfangreichste meiner Sammlung“ charakterisierte. Diese Briefe sind unzweifelhaft aufschlußreich und sollten jedenfalls ausgewertet werden.

Nicht zu unterschätzen ist der Wert der Bilder. Zunächst ist die Dimension des ikonographischen Gesamtbestandes ungeklärt. Immer wieder tauchen einzelne Portraits auf, zuweilen aber auch Gruppenfotos, die von Uneingeweihten schlicht nicht gedeutet werden können.  Die meisten der kursierenden Bilder werfen mehr Fragen auf, als sie Antworten parat haben. So verhält es sich etwa mit dem schönen kleinen Foto, daß mir Herr Thomas Kloepfer zur Verfügung gestellt hat und das Hans Kloepfer in einem Steirerwagerl an der Seite eines hellhaarigen Mannes zeigt, vor einer idyllischen hügeligen Landschaft. Von wem wurde dieses Bild aufgenommen? Wer ist der Mann neben Kloepfer? Zu welchem Zweck wurde die Ausfahrt unternommen? Ich möchte die Hoffnung nicht aufgeben, daß es etwa Nachfahren oder sonst irgendwie Heimatkundige gibt, die Auskunft auf die eine oder andere Frage geben können. Ein anderes Beispiel betrifft die Abbildung einer mutmaßlichen Kloepferordination, dessen Herkunft sich bisher genausowenig klären ließ wie die Bestimmung des gezeigten Raumes. Das Bild, an dem jedoch Zweifel bestehen, ist immerhin die einzige Abbildung der Ordination Kloepfers oder seines Behandlungszimmers bei der ÖAMG. Aus Gesprächen mit dem verstorbenen Herrn Agathon Koren in Voitsberg weiß ich, daß die Familie Koren ein umfangreiches, jedoch nicht vollständig erschlossenes Fotoarchiv ihr Eigen nennt, in dem sich eine ungeheure Zahl von Bildern aus der Kloepferzeit erhalten haben – Personen, Stadtansichten, Ereignisse. Ein verborgener Schatz, der möglichst erhalten bleiben soll.

Ein besonderes Desiderat der Kloepferforschung scheint mir die Aufhellung des personellen Umfeldes des Arztdichters. Zu vielen, sehr bedeutenden Zeitgenossen wünscht man sich biographische Angaben oder vielleicht auch eine Abbildung. Die lange, bei weitem nicht vollständige Liste von umfaßt Namen wie Ernst Bouvier, Wilhelm Danhofer, Julius Decrinis, Hans Dettelbach, Adalbert Drasenovich, Adolf Fizia, Victor Fossel, Rudolf von Frey, Fritz Fuchs, Theodor Haagn, Carl Hermann, Rochus Kohlbach, Max Koren, Anton Leb, Josef Leschak, Ferdinand Pamberger, Franz Plischke, Peppo Purgleitner, Albert Schwara, Walter Semetkowski, Fritz Silberbauer, Franz Josef Unterholzer, Gerold Walzel und Viktor Zack – der kleinste gemeinsame Nenner dieser Lebenswege ist ihre Bekanntschaft mit Hans Kloepfer.

Und schließlich möchte ich zum Thema zurückkehren, das am Anfang meiner Beschäftigung mit Kloepfer steht – die Kulturgeschichte der Medizin, in diesem Falle in ihrer steirischen Spielart. Die letzte systematische Überblicksdarstellung zur steirischen Medizin geht gar in die Zeit vor Kloepfer zurück, die 1860 erschienene Medizinisch-statistische Topografie des Herzogtumes Steiermark von Dr. Mathias Macher. Natürlich wurde über die Jahrzehnte hinweg so manches Thema aus der Medizingeschichte des Landes untersucht und auch veröffentlicht, etwa von Kloepfers Lehrer Victor Fossel, dessen Studie Volksmedicin und medicinischer Aberglaube in Steiermark wiederholt aufgelegt wurde. Auch Kloepfer selbst hat sich mit seiner Biographie Aus dem Bilderbuch meines Lebens um die steirische Medizingeschichte verdient gemacht, hat er doch die Verhältnisse an der Grazer medizinischen Fakultät in den 1880er und 1890er Jahren nicht nur sachkundig, sondern auch mit poetischer Lizenz festgehalten – es ist die wohl wichtigste Erinnerungsschrift eines Arztes steirischer Provenienz. Der Reigen schließt mit den verdienstvollen Arbeiten der Herren Doktoren Norbert Weiss und Bernd E. Mader, die in jüngster Zeit wichtige Publikationen etwa zur Geschichte der steirischen Krankenanstalten oder der Lebensgeschichte des Wunderdoktors Höllerhansl vorgelegt haben. Trotz solcher Bemühungen ist das Bild der Heilkunde unserer Vorfahren über weite Bereiche unscharf. Erinnerungen, Bilder, Fotos und Dokumente zu Ärzten, Apothekern oder medizinschen Einrichtungen wären deshalb besonders willkommen. So sind etwa die lebensgeschichtlichen Aufzeichnungen, die mir Frau Dr. Ute Bayer dankenswerter Weise von ihrem Vater zur Verfügung stellte, äußerst wertvolle Quellen nicht nur im Kloepferzusammenhang, sondern auch im breiteren medizinhistorischen Kontext.

Manchmal sind es Kuriosa oder unspektakuläre Zufallsfunde, denen Bedeutung zukommt – so etwa ein hölzernes Gebinde, in dem um 1900 von der Hirschenapotheke in Graz Arzneien verschickt wurden – Herbert Blatnik fand die Dose auf dem Dachboden des Kloepferhauses und schickte mir ein Foto davon. Jeder derartige Fund, jede noch so kurze Miszelle trägt dazu bei, das Bild von Kloepfers Welt zu rekonstruieren.  Hans Kloepfer ist einer der wichtigsten und prominentesten Gestalten der steirischen Medizin im 20. Jahrhundert – eine noch ausstehende Geschichte der steirischen Medizin wäre ohne seinen Beitrag genauso unvollständig wie eine Geschichte der steirischen Literatur. In diesem Sinne erhoffe ich mir ein wohlwollendes Interesse an der Hans Kloepfer-Forschungsstelle,  die rege Teilnahme von Interessierten vor allem aus den Kloepferregionen und nicht zuletzt die Aufmerksamkeit der medizinhistorisch interessierten Ärzteschaft in der Steiermark. Glück auf!